Von der Schwierigkeit, sich umweltbewusst zu verhalten
Eine ausgemachte Umweltsau bin ich nicht wirklich. Die Mülltrennung ist mir beispielsweise in Fleisch und Blut übergegangen, sogar so weit, dass ich die Kunstwachsbeschichtung von der Käserinde schneide, um sodann den Käserest im Bio- und den Kunstwachs im Recyclingmüll zu entsorgen. Ich achte darauf, dass die Äpfel, die ich kaufe, aus Deutschland kommen, weil ich nichts davon halte, dass Grundnahrungsmittel um die halbe Welt geflogen werden. Aber einen blauen Engel würde ich mir auch nicht verleihen. Dafür bin ich noch nicht ausreichend environmentally correct, finde ich. Aber warum ist es bei all dem Wissen, das wir haben, so verdammt schwer, sich richtig zu verhalten?
Im Sommer 2007 habe ich Al Gores Umwelt-Doku „Eine unbequeme Wahrheit“ gesehen. Tief beeindruckt verkündete ich großkotzig, dass ich zum Wohl unseres Planeten nie wieder mit dem Auto, sondern nur noch mit Rad oder Straßenbahn zur Arbeit fahren würde. Die CO2-Emission, die ich mit dieser Äußerung verursacht habe, hätte ich mir sparen können, denn natürlich habe ich seitdem wieder unzählige Male das Auto genommen. Entweder war es zu nass (frau will ja nicht mit völlig durchweichten Klamotten und Wimperntuscheverschmierungen dritten Grades am Arbeitsplatz ankommen) oder zu kalt (1. bin ich eine Memme und 2. werde ich leicht krank) oder – und das ist wirklich der fadenscheinigste Grund – ich war zu spät dran, weil ich Bettmensch wieder nicht rechtzeitig meinen Allerwertesten aus den Federn bekommen habe… Irgendwo auf der Welt säuft vermutlich bald die paradiesische Welt eines Inselatolls im steigenden Meeresspiegel ab, weil ich nicht aus dem Bett komme und deshalb dauernd unnötig Auto fahre!
Natürlich bin ich nicht eine solche Egomanin, dass ich mir diese Last ganz allein auf die zarten Schultern packen würde. Nur wegen einer Autofahrerin geht die Welt nicht zugrunde, die Masse macht’s. Als ich am Samstag spazieren ging, fielen mir die zahlreichen Autos auf, die vor einer Schrebergartenkolonie geparkt waren. Ich habe aus der Ferne 45 Wagen gezählt – und das war nur die eine Seite der Anlage. Es ist doch paradox, dass die Naturliebhaber sich erst in ihre Benzinkutschen setzen, um dann das Wochenende in ihrem Garten an der guten, frischen Luft zu verbringen, wo sie womöglich stöhnen, dass es jedes Jahr heißer wird und man kaum noch mit dem Gießen hinterherkommt. Genauso paradox wie mit dem Auto zum Sportstudio zu fahren, sich mit einem anderen Fahrer um den besten Parkplatz beim Eingang zu streiten, damit man so wenig wie möglich laufen muss, um sich dann bei künstlichem Licht und Klimaanlagenluft ordentlich auszupowern… So gut, wie die Deutschen mit Fahrrädern und dazu passenden Anhängern ausgestattet sind, muss es doch auch möglich sein, mit der ganzen Familie samt Verpflegung und eventuell benötigter Gerätschaften für die Gartenpflege zum Kleingartenverein zu radeln.
Doch zurück zu mir: Florian Illies schrieb einmal, dass das Verwenden von Jutetaschen statt Plastiktüten die einzige Errungenschaft der ansonsten mauen 80er Jahre sei. Ob es die einzige ist, sei mal dahingestellt, aber es ist definitiv eine, die nachhaltig bei mir hängen geblieben ist. Im Kofferraum unseres Autos (!) liegt ein derart umfangreiches Jutebeuteldeputat, dass man meinen könnte, ich wäre im Sozialismus aufgewachsen: immer gut gewappnet für spontanes Schlangestehen nach Südfrüchten und anderen Raritäten. Automatisch lehne ich die von wohlmeinenden Kassiererinnen angebotenen Plastiktüten ab. Das heißt… nicht immer, nur beim Einkauf von Lebensmitteln und sonstigen schnöden Dingen des täglichen Bedarfs. Beim „echten“ Shoppen sieht die Sache ganz anders aus: Ohne darüber nachzudenken, lasse ich meine Neuerwerbungen in Plastik oder Hochglanzpapier packen und schleppe sie so zum heimischen Bau. Aldi – nein, danke; H&M – ja, gern. Was passiert da im Gehirn? Könnte das genauso ein Relikt der 80er sein, als Tüten mit bestimmten Aufschriften oder Logos fast zum Statussymbol avancierten? Beschämende Vorstellung…
Jetzt habe ich erfahren, dass ich noch mehr Schindluder treibe – und zwar völlig ahnungslos! Seit einigen Jahren kaufe ich mein Mineralwasser in einem Kasten mit neun Ein-Liter-Flaschen aus Plastik. Das ist viel leichter, als dieselbe Menge Wasser in 12 Glasflaschen à 0,75 Liter in den 1. Stock zu schleppen. Aufgrund des Pfandsystems nahm ich bisher immer an, die Flaschen würden mehrfach verwendet und irgendwann mit Hilfe moderner Recyclingtechnik als Lego-Stein oder als Ummantelung des Frühstücksbeutelverschlussdrahtes wiedergeboren. Pustekuchen! Im ZDF-Magazin WISO musste ich erfahren, dass diese Flaschen Teil eines Einwegsystems, sprich einer Sackgasse, sind und nach nur einmaligem Gebrauch geschreddert werden – Pfand hin, Pfand her. Wie man’s macht…
Und so geht es fröhlich-apokalyptisch weiter:
- Wir essen Chips und das ganze andere frittierte Zeug – in Asien werden deshalb Wälder (brand-)gerodet, um dafür Lieferanten des beliebten, weil billigen Palmöls anzubauen.
- Wir essen Fleisch – in Südamerika werden deshalb Wälder, einschließlich des wichtigen Regenwalds, (brand-)gerodet, um Platz für mehr Massenviehhaltung zu schaffen.
- Wir essen noch mehr Fleisch („oogrillt is“, wie der Bayer so sagt) – das beim Wiederkäuen der Kühe freigesetzte Methan trägt zum Treibhauseffekt bei.
- Wir überfischen unsere Meere, eröffnen aber auch noch in Neu-Niederhintertupfingen eine Sushi-Bar mit Fisch in Qualität, die angeblich des japanischen Kaiserhauses würdig wäre.
- Wir ignorieren das Angebot an Energiesparlampen, weil sie – bitte ankreuzen –
a) teurer sind als herkömmliche Glühbirnen oder
b) kaltes Licht machen, das nicht ins Beleuchtungsschema unseres Interior-Design-Konzepts passt. - Wir wechseln nicht zu einem Versorger, der Strom aus erneuerbaren Energiequellen anbietet, weil wir – bitte ankreuzen –
a) das gerade irgendwie nicht auf dem Schirm haben,
b) nicht rechtzeitig aus dem Bett gekommen sind oder
c) schnell noch ein Apfelbäumchen im Schrebergarten pflanzen müssen. - Und so weiter und so fort.
In dem Film „Der Tag, an dem die Erde still stand“ überzeugt Jennifer Connelly den Außerirdischen Klaatu (der angenehmerweise in die aparte Gestalt von Keanu Reeves geschlüpft ist, das hilft bei der Völkerverständigung) davon, dass die Menschen auch eine gute Seite haben und in der Lage sind, sich zu ändern. Klaatu, der die leidende Erde vor der totalen Zerstörung durch die Menschheit retten will, verschont deshalb die zweibeinige Spezies und gibt ihr eine zweite Chance, damit sie einen neuen Weg einschlägt und lernt, im Einklang mit ihrem Planeten zu leben. Diese Mischung aus Science Fiction, mit dem Holzhammer vermittelter Umwelt-Message und dem Prinzip des unerschütterlichen Glaubens in das Gute im Menschen kommt klebrig-süß und reichlich naiv daher.
Wenn ich von mir auf andere schließe, bezweifle ich für mein Teil allmählich, dass wir in der Lage sind, uns zu ändern. Dafür verfolgen die „Großen“ unserer Welt (Nationen, Konzerne, Verbände…) viel zu viele verschiedene Interessen, und die Individuen erliegen gedankenlos, so wie ich, viel zu vielen Verlockungen. *Seufz.*
Doch bevor ich hier jammernd im Weltschmerz ersaufe, schwinge ich mich jetzt auf mein Rad (es regnet, wohlgemerkt!) und lasse mir in der Stadt auf gar keinen Fall eine Plastiktüte andrehen. Großes Umweltehrenwort!
P. S.: Okay, es war dann doch zu nass, um zu radeln. Ich habe die Bahn genommen. www.utopia.de
Torsten said,
Mai 3, 2009 @ 19:51
Geht mir ähnlich, besonders was die Fleischesserei angeht. Bei jedem Tiertransport, den ich auf der Autobahn sehe, packt mich mein schlechtes Gewissen. Leider ist selbiges bei der nächsten Bulette beinahe vollständig verschwunden.
Als generelle Entschuldigung müssen ja immer Sätze à la “Der Mensch ist ein Gewohnheitstier” herhalten, nur wünschte ich mir manchmal, im Kopf schon so weit zu sein, durchschaute Dinge und Zusammenhänge auch resolut zu meiden bzw. zu boykottieren.
Noch ist nicht aller Tage Abend und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
T
P.S. Wir hatten keine Jutebeutel im Sozialismus, sondern meist welche aus Dederon oder anderen chemischen Stoffimitaten.
nigri said,
Mai 4, 2009 @ 21:41
Da sieht man mal wieder, wie wenig Ahnung vom Leben in der DDR man hat, wenn man in den 70ern und 80ern tief im Westen aufgewachsen ist… Dederon - nie gehört
Torsten said,
Mai 6, 2009 @ 11:09
Dederon war der Name einer Polyamidfaser im Osten (http://de.wikipedia.org/wiki/Polyamide#Dederon). Bekannt und gefürchtet von kreischbunten Einkaufsbeuteln und gruseligen Kittelschürzen.