Die Chose mit der Laktose
Seit einiger Zeit weiß ich, dass ich Laktoseintoleranz habe. Ich war mir nicht schlüssig, ob ich froh sein sollte, weil ich endlich wusste, was mit mir los war, oder ob ich weinen sollte, weil die Arzthelferin zu mir sagte: “Wir können den Test hier abbrechen, so hohe Werte haben wir selten.” Trommelwirbel, Tusch, Gong: Sie haben den Hauptgewinn gezogen! Na ja, inzwischen habe ich gelernt, dass man mit LI (so die lässige Insider-Abkürzung in der Szene der Lebens- und Nahrungsmittelunverträglichkeiten) ganz gut leben kann und dass man a) weiß Gott nicht allein damit und b) erst recht kein Mutant ist. Man fragt sich allerdings, wie und warum unser Essen so mutiert ist…
Laktoseintoleranz bedeutet, dass jemand den in Milchprodukten enthaltenen Milchzucker (Laktose) nicht (mehr) in seine Bestandteile Glucose (Traubenzucker) und Galaktose (Schleimzucker, lecker!) aufspalten kann. Das liegt daran, dass der Betroffene nicht (mehr) oder nur in sehr geringen Mengen das Enzym Lactase produziert, das die Spaltung normalerweise erledigt. Wenn dies der Fall ist, bekommt der Patient früher oder später ein buntes Sortiment an diffusen Symptomen, die bei jedem individuell variieren und daher von Vertretern der heilenden Zunft gerne mal eine Weile falsch gedeutet werden, bis der arme Tropf denkt, niemand könne ihm helfen, er bilde sich das Alles nur ein oder habe psychosomatische Stressschäden - ist ja ein beliebtes und anerkanntes Syndrom in unserer Leistungsgesellschaft, damit kann man immer punkten. Zu den Symptomen nur so viel: Beschwerden des Verdauungstraktes sind zuverlässig in jedweder Ausprägung dabei, quasi ein Muss für jeden Laktosekandidaten. Mehr will ich dazu auch gar nicht sagen. Wir sind hier ja weder in der Nachmittagstalkshow noch im Dschungelcamp.
Theoretisch könnte man jetzt, da die Diagnose endlich feststeht, einfach alle Milchprodukte weglassen, zum Ausgleich darauf achten, dass man viele andere calciumhaltigen Nahrungsmittel zu sich nimmt, und fertig ist das neue, beschwerdefreie Leben. Man müsste nicht einmal vollständig auf Milchprodukte verzichten, weil sich die Lebensmittelindustrie auf die ganzen Allergiker und “Intoleranten” eingestellt hat und Quark & Co. auch laktosefrei anbietet. Aber weit gefehlt: In unserer vollautomatisierten, massenoptimierten, globalisierten Lebensmittelproduktion wird Laktose als Zusatz praktisch überall eingesetzt - weil sie so schön bindet, festigt, bräunt, trennt, rieselfähig macht und dabei billig und relativ geschmacksneutral ist. Soweit ich das Ganze bis jetzt durchschaut habe, steckt Laktose per se in allem, was Pulverform hat: Kartoffelpürreepulver, Tütensuppen und -soßen, Soßenbinder, Paniermehl, Gewürzmischungen. Dann in allem, was schön braun und knusprig werden soll: Fertigpizza, Tiefkühlbrötchen, Pommes frites, Kroketten und alle artverwandten Produkte, Kekse, Broterzeugnisse… Und weil es so schön bindet, in allem, was sämig-cremig ist: so ziemlich alle Schokoladenprodukte, Desserts, Dosensuppen, Soßen, Fertiggerichte. Aber eins schlägt dem Fass wirklich den Boden aus: der Milchzucker steckt sogar in Wurst und Aufschnitt. Zitat aus “Laktoseintoleranz - Wenn Milchzucker krank macht” von Thilo Schleip: “Leider findet der preiswerte Milchzucker als Bestandteil von Binde- und Umrötungsmitteln auch in der Wurst- und Fleischverarbeitung Verwendung. Dies gilt sogar für gekochten Schinken, den man bei oberflächlicher Betrachtung für ein fast unverändertes Naturprodukt halten könnte. [...] Bei der Fabrikation von besonders preiswertem “Formfleisch” wird leider in fast allen Fällen Laktose verwendet. Im Herstellungsprozess werden Fleischreste (in der Regel nicht gerade die besten Stücke) zu einer fast homogenen Masse verquirlt. Anschließend fügt man Farb-, Aroma- und Konservierungsstoffe hinzu und bindet den entstandenen Brei unter anderem mit Hilfe von Laktose wieder zu einer festen, fleischähnlichen Einheit.” Wie eklig ist das denn?
Mit anderen Worten: Man ist einem Dauerbombardement durch diesen Stoff ausgesetzt, der sicher auch alles andere als naturbelassen ist, wenn er in den ganzen oben genannten Endprodukten verarbeitet wird. Da fragt man sich doch unverzüglich, ob die erworbene Laktoseintoleranz nicht einfach daher rührt, dass wir ununterbrochen raffinierten Milchzucker in nicht unerheblichen Dosen zu uns nehmen und unsere Lactase-Enzyme irgendwann aufgebraucht sind, obwohl erst das halbe Leben vorbei ist…
Wenn man sich als LIM, also laktoseintoleranter Mensch, outet, erlebt man denkwürdige Begebenheiten mit Gastronomiebeschäftigten. Da sieht man doch, dass durchaus nicht jeder das Potenzial besitzt, es bei “Wer wird Millionär?” in die Show zu schaffen. So antwortete mir ein Koch auf die Frage, ob in der Suppe Milchprodukte seien, im Brustton der Überzeugung mit nein, die Suppe sei rein vegetarisch. Und was schaute er mich stolz an! Wie ein Hund, der gerade ein Stöckchen apportiert hat. Meiner Erwiderung, dass dies nicht die Antwort auf meine Frage und dass obendrein eine Suppe auch mit Milchprodukten vegetarisch sei, konnte er nicht ganz folgen; Fragezeichen zierten sein Gesicht. Gestern ein ähnlich Vertrauen bildendes Informationsgespräch mit dem Kantinenkoch, pardon Küchenchef des Betriebsrestaurants. LIM: “Ist in dem Risotto da Sahne?” Koch: “In ein Risotto gehört keine Sahne.” LIM: “Das schließt aber nicht aus, dass keine drin ist. Ist also Sahne drin? Oder sonstige Milchprodukte?” Koch: “Nein, in ein Risotto gehört keine Sahne und da sind auch sonst keine Milchprodukte drin.” Pause. “Außer vielleicht Käse.” Ach so, na dann… Da fühlt man sich doch gut aufgehoben und kompetent beraten.
Experten zufolge entwickeln 75 bis 80 Prozent der Weltbevölkerung im Laufe ihres Lebens eine Laktoseintoleranz. In manchen Regionen der Welt vertragen Erwachsene überhaupt keine Laktose, zum Beispiel in weiten Teilen Südamerikas, im Süden Afrikas und in Ostasien. Es sieht so aus, als habe die Natur den Menschen grundsätzlich so konzipiert, dass er nur in den ersten Lebensjahren, wenn er mit Muttermilch gesäugt wird, viel Lactase produziert und somit Laktose gut verträgt. Dann verringert sich die Produktion und der Säugling wird auf feste Nahrung umgestellt. Dass die Nord- und Mitteleuropäer und in Folge der Migration ebenso die Nordamerikaner auch als Erwachsene noch Laktose verarbeiten können, lässt sie aus der menschlichen Art schlagen. Zurückgeführt wird diese Fähigkeit auf eine Genmutation, die einen echten Überlebensvorteil darstellte, da sich den Menschen auf diese Weise neue Nahrungsquellen eröffneten. Diese Entwicklung wurde dann kulturhistorisch durch die aufkommende Milchviehwirtschaft begünstigt. (Dies ist eine stark vereinfachte Zusammenfassung. Wer es genauer wissen möchte, möge sich auf Wikipedia tummeln oder das oben genannte Standardwerk von Thilo Schleip konsultieren).
Seit ich das alles weiß, brennt mir eine ganz bestimmte Frage unter den Nägeln: Es ist doch inzwischen unbestritten, dass das von den ungezählten Kühen in der Massenviehhaltung beim Wiederkäuen emittierte Methan aus dem Magen zum Treibhauseffekt beiträgt. Und wir erinnern uns alle an die stark gestiegenen Milchpreise im letzten Jahr, die unter anderem durch die explosionsartig wachsende Nachfrage in Asien, und da besonders in China, verursacht wurde. Jetzt frage ich mich, welche Gefahr zusätzlich auf unser Klima und die Gesundheit der gesamten Weltbevölkerung zukommt, wenn plötzlich Milliarden von Chinesen Milch, Joghurt und Käse für sich entdecken, fröhlich konsumieren und dann schön im Kollektiv - ganz im Sinne der kommunistischen Partei - ungeheure Blähungen bekommen?
nimrouz said,
April 14, 2009 @ 8:44
Willkommen im Klub der Leidensgenossen und -genossinnen. Ob die Lieblingsanrede in China genau so lautet, weiss ich nicht.
Aber man kann nur hoffen, dass heilige Kuh und ihr Produkt in China der Erde erspart bleibt.
forced to strip man said,
Juli 19, 2009 @ 18:53
emm… really like it ))