Frühling. Jetzt. Zack zack!
Jetzt reicht es aber, oder? Jetzt haben wir alle die Schnauze gestrichen voll vom Winter und seinen hässlichen Begleiterscheinungen wie Kälte, Nässe und Dunkelheit. Genug ist einfach genug. Es gibt zwar noch einige Unbelehrbare, die ihre Ski durch die Fußgängerzone zum Ostercheck tragen, aber für diese armen, irregeleiteten Seelen haben wir nur ein mildes Lächeln übrig. Wir wollen den Frühling - jetzt, sofort und unverzüglich. Und ist er nicht willig, so brauchen wir Gewalt.
Besonders die Frauen kämpfen mit harten Bandagen für la primavera (Was für ein wunderbarer Klang! Ganz anders als unser deutscher Frühling. Frühling, Sonderling, Kümmerling.). Da werden die Handtaschen aus der in gedeckten Farben gehaltenen Herbst-/Winter-Kollektion gegen die bonbonfarbenen Beutel aus Bast und Leinen ausgetauscht. Zarte Damenfüße stecken - wenn auch bestrumpft - wieder in Ballerinas. Was ist schon so ein bisschen Bodenfrost? Die Rollis, die keiner mehr sehen kann, werden wieder ganz nach hinten in den Schrank verbannt und die Sommersachen auf Teufel komm raus aktiviert. Da sieht man auch schon mal Spaghettiträgertops, die als Pullunder zweckentfremdet über Blusen getragen werden, oder duftige, leuchtende Röckchen mit dicken, schwarzen Wollstrumpfhosen darunter. Und wenn das noch nicht ausreicht gegen die Kälte - egal! Niemand hat gesagt, dass es leicht wäre, eine Frau zu sein. Was zählt, ist das Gefühl, dass es aufwärts geht und man nicht nur das Tempo mitgeht, sondern sogar den Takt vorgibt. Apropos aufwärts: Es würde mich nicht wundern, wenn die Frauen mit ihrer Lust am Erwerb von Frühjahrsmode, Osterdeko, Sommerdüften, Sonnenpflegeprodukten und Cellulitebekämpfungsmitteln nicht das Konsumklima in der Wirtschaftskrise beflügeln würden.
Die Männer halten mit Technik dagegen: Zuhauf tummeln sie sich an den Tankstellen, um Autos, Motorräder, Quads und Rasenmäher frühlingsfit zu machen. Fahrräder werden gewartet und mit neuen technischen Spielereien ausgestattet (”Wofür brauchst Du denn ein GPS, Schatz? Du fährst doch eh immer nur mit Wolle zum Biergarten.” “Das verstehst Du nicht, Weib!”). Oder: Autofenster auf und “I don’t wanna dance” von Eddy Grant bis zum Anschlag aufdrehen, so dass sich die langweilige Straße auf der Stelle in eine sonnige Reggae Dance Hall verwandelt (gestern exakt so erlebt).
Weitere Beobachtungen (geschlechtsneutral):
- Eis schlecken und dabei Handschuhe tragen
- am späten Vormittag auf einem Steinquader in der Grünanlage ein Frühstückspicknick machen (das erhöhte Auftreten von Nierenbeckenentzündungen freut die Urologen…)
- mehr Stimmen - von den zurückgekehrten Vögeln und den Menschen, die es nach draußen zieht oder die man durch geöffnete Fenster hört
- glückliche Gesichter: Gerade standen sie im Haus gegenüber zu sechst auf dem Balkon und hieltem mit seligem Lächeln und geschlossenen Augen die Gesichter in die Sonne, rauchten und lachten - was will man mehr? (vielleicht einen Cocktail statt Zigarette, aber okay…)
- Blumen, Gemüse und Obst: Nicht nur, dass es überall sprießt und grünt und knospt und blüht, nein, ich beobachte an mir selbst und meinen Artgenossinnen auch einen erhöhten Grünzeugkonsum (Blumen für’s Herz, Obst und Gemüse für die Figur)
- Das Radfahreraufkommen steigt sprunghaft an - ich bin auch dabei (Saisonstart heute mit einer kurzen Tour in die Stadt, um einen gestern im Überschwang der Frühlingsgefühle getätigten Fehlkauf umzutauschen… Hey, Stereotype wollen erfüllt werden!).
Vergisst man eigentlich Jahr für Jahr wieder, wie sehr man den Frühling herbeisehnt? Oder wird das Verlangen jedes Jahr größer? So kommt es mir jedenfalls vor. Vielleicht liegt das am Älterwerden: Je mehr die eigene Fähigkeit zur Zellerneuerung verloren geht, desto mehr lechzt man nach der Jahreszeit der Erneuerung und Wiedergeburt. Doch bevor es hier zu philosophisch wird, tue ich lieber etwas Sinnvolles und verlasse mein Laptop, um raus in die Sonne zu gehen. So long!