Nie wieder Freundin!
Am Wochenende habe ich seit langer Zeit mal wieder eine Frauenzeitschrift durchgeblättert, weil sich eine Kollegin extra die Mühe gemacht hatte, sie mir mit der Hauspost zu schicken und ich dachte, das könnte mal wieder ganz kurzweilig sein. Hatte ich schon mal erwähnt, dass ich in einem nicht unerheblichen Maße zur Naivität neige? Kurzweilig - dass ich nicht lache! Bei diesem speziellen Heft handelte es sich um die Freundin. Doch so viel ist sicher: Wer so eine Freundin hat, braucht keine Feindin mehr!
Gleich im Editorial geht es los: Die Chefredakteurin entdeckt überrascht, dass sie älter wird. Potzblitz, gut dass wir solche toughen, investigativen Journalistinnen haben, die uns solche unbequemen Wahrheiten vermitteln. Ahnungslos wandelten wir auf Erden, wenn es sie nicht gäbe. Natürlich verweist sie postwendend auf das große Dossier über all die Tricks und Möglichkeiten, die uns wirklich (aber echt, ganz, ganz ehrlich) helfen, jung zu bleiben. Nur ein bisschen klopfen hier, cremen da, unterspritzen dort, peelen hier, trimmen, stretchen, entspannen, viel schlafen, gesund ernähren nach den vier Elementen oder den fünf Winden oder den drei Weisen aus dem Morgenland und so weiter und so fort. Abgesehen davon dass frau all diese Wunderprodukte der Kosmetikindustrie eigentlich kaum erschwingen kann, müsste sie sich auch hauptberuflich auf’s Schön-und-Jung-Bleiben verlegen, denn zum klassischen Broterwerb bleibt beim Projekt “ewiger Jungbrunnen” eigentlich keine Zeit.
Artig und dienstbeflissen sekundiert die stellvertretende Chefredakteurin im Ergänzungseditorial (seit wann gibt es eigentlich diese journalistische Gattung?). Sie baut eine Brücke zwischen den Generationen von Frauen, denn egal welches Alter - alle würden sie zwei Mal im Jahr gespannt auf die Neuheiten von den internationalen Laufstegen, pardon, catwalks, warten. Für Mode sei frau nie zu alt, es käme nur darauf an zu wissen, wie man sie typ- und altersgerecht trägt. Mir persönlich ist auch daran gelegen, nicht in Jute, Sack und Asche zu gehen, aber ich rutsche bestimmt nicht vor lauter Aufregung auf der Sofakante herum, weil irgendwo irgendwelche halb verhungerten Mädchen auf Storchenbeinen Haute Couture präsentieren. Das Problem ist weder Typ noch Alter, sondern die Alltagstauglichkeit. Was sich inspirierte Köpfe als Kunstwerk ausdenken, funktioniert meist nicht im Leben der herkömmlichen Freundin-Lesern. Wo, bitte schön, soll denn irgendjemand die angeblich im Frühjahr/Sommer 2009 angesagten Plateausohlen-Killer-High-Heels mit Schwindel erregenden 15-Zentimeter-Absätzen tragen? Und bezahlen? Denn bei den Vorstellungen der Kreationen macht es ja keine Zeitschrift mehr unter Manolo Blahnik, Christian Louboutin oder Jimmy Choe (für Unwissende: allesamt Schuhdesigner mit Kultstatus).
Herzlich musste ich ebenfalls lachen über die ganz einfachen Tricks, mit denen aber auch wirklich jeder sein Bad in eine - ja, genau, Sie haben richtig getippt - Wellnessoase verwandeln kann. Spa und Wellness allerorten; man fragt sich, warum bei der ganzen Wohlfühlerei die Arztpraxen immer noch hoffnungslos überfüllt sind, so dass man gerne auch mal drei Monate auf einen Termin warten muss. Aber ich schweife ab… Zurück zur Bad-Metamorphose: realitätsferner geht’s nimmer. Sicher gibt es in so manchen deutschen Eigenheimen Badentwürfe, wo die Designerwanne frei im Raum steht und dank geschickt inszenierter Bodenbeleuchtung im Zentrum des Copore-sano-Tempels Ufo-gleich zu schweben scheint. Aber die Mehrheit dürfte doch eine ähnliche Hardware haben wie ich: ein Ende der 80er renoviertes Bad in Bahamabeige (so hieß diese Farbe früher im Baumarktjargon). In regelmäßigen Abständen ist zur Auflockerung eine Zierkachel mit einer rotbraunen Trauerweide auf rotbraunem Gras eingestreut. Die ebenfalls bahamabeige Badewanne entspricht der deutschen Industrienorm (kurz: DIN). Ihr schmaler Emaillerand eignet sich - anders als breite Edelholzeinfassungen - keinesfalls dafür, einem Meer von sanft leuchtenden Stumpenkerzen in allen Größen ein neues Zuhause zu bieten, das sanft mein ayurvedisches Entspannungbad illuminieren soll. Flair stiftende maritime Accessoires oder hübsche Tiegel und Döschen im Retrolook fänden allenfalls auf der Waschmaschine Platz - zuverlässige deutsche Weißware von Bauknecht und kein stylishes It-Modell in gebürstetem Edelstahl…
Was dem Fass aber endgültig den Boden ausschlug, waren sage und schreibe zwei Doppelseiten über die richtigen Putzmittel- und Utensilien für jeden Raum. Dies und das für’s Schlafzimmer, das und jenes für’s Arbeitszimmer, Kinderzimmer, Wohnzimmer, Bad, wahrscheinlich auch noch für den Handwerkerkeller, den Sportraum und die Meditationssuite… Nie wieder Probleme beim Hausputz, alles passend Raum für Raum. Wenn das jemand befolgen wollte, müsste er erst noch einen Raum für die Aufbewahrung des ganzen Gedöhns’ anbauen.
Was für eine Zeitverschwendung! Risiken und Nebenwirkungen: erhöhtes Aggressionspotenzial, niedrige Geduldsschwelle und allgemeiner Überdruss. Da hilft nur eins: Frauenzeitschriften ein für alle Mal links liegen lassen und ein gutes Buch oder die Zeitung zur Hand nehmen. Hatte ich sogar heute im Wartezimmer beim Arzt dabei. Prophylaxe ist ja so wichtig…
nimrouz said,
Februar 10, 2009 @ 2:51
Oh, ich hab lange nicht mehr so gelacht. Und den agressiven und schwer kontrollierbaren Würgereflex kann ich gut verstehen. Da hilft, wie so oft, nur ein Lied:
die nase ist voll juhuhu, nein stopp
die wanne ist voll, juhuhu
lass die wellness sein
steig ins wasser ein….
http://www.youtube.com/watch?v=rFAze9UYcQE