Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht
Nach langer Zeit mal wieder eine Buchkritik. Nicht, dass ich nicht gelesen hätte. Allein am Schreiben lag’s…
“Die Arbeit der Nacht” ist das beklemmendste Buch, das ich je gelesen habe. Ich bin alles andere als eine Kafka-Kennerin, aber ich denke, dass das Attribut “kafkaesk” Thomas Glavinics Roman treffend beschreibt.
Jonas wacht eines Morgens auf, wundert sich, dass Radio und Fernsehen gleichzeitig ausgefallen sind, und flucht vor sich hin, als er feststellt, dass er auch keine seiner üblichen Internetseiten aufrufen kann. Obendrein ist seine Freundin zu Besuch bei Verwandten in England - ein richtiger Scheißmorgen also. Auf dem Weg zum Bus hat er das diffuse Gefühl, dass etwas nicht stimmt, aber er kommt nicht darauf, was es sein könnte, bis er eine Weile an der Bushaltestelle steht: kein Verkehr, keine Passanten, keine Stimmen, kein Vogelgezwitscher - Stille, bis auf die Geräusche, die er selbst macht, und den Wind. Im Büro fehlt jede Spur von seinen Arbeitskollegen, auch auf der Straße tut sich nichts. Ratlos versucht Jonas Freunde und Bekannte anzurufen, sucht nach seinem Vater in dessen Wohnung - nichts.
Irgendwann wird ihm klar, dass er mutterseelenallein in Wien ist, alle anderen Menschen und auch die Tiere sind spurlos verschwunden. Es gibt keinen Hinweis darauf, was geschehen sein könnte, und vor allem, wieso es ihm als Einzigem nicht geschehen ist. Nach einigen Exkursionen in andere Gegenden Österreichs und ins benachbarte Ausland dämmert ihm die Gewissheit, dass er nicht nur der einzige übriggebliebene Bewohner Wiens zu sein scheint, sondern der letzte Erdenbürger überhaupt. Und trotzdem hat er immer wieder das Gefühl, nicht allein zu sein. Regelmäßig beschleicht ihn die unheimliche Ahnung, dass hinter der nächsten Tür jemand oder etwas auf ihn wartet. Und dann sind da die seltsamen Vorgänge in seiner Wohnung, in der von Zeit zu Zeit morgens etwas anders ist als noch am Abend zuvor, als er zu Bett gegangen ist… Dieses unterschwellige Gefühl einer nicht greifbaren Bedrohung in einer menschenleeren Metropole macht “Die Arbeit der Nacht” gruselig und spannend wie einen Thriller.
Die Idee von Thomas Glavinic ist grandios. Was tut man, wenn man plötzlich ganz allein auf der Welt ist? Jonas jedenfalls entwickelt eine ganze Zeit lang emsig Aktivitäten, um andere Menschen zu finden oder selbst gefunden zu werden. Aufgrund des Verlustes all seiner Beziehungen setzt er sich stark mit seinen Erinnerungen auseinander, seiner Kindheit, Freunden, die eine Weile Teil seines Lebens waren, bis sie an einer Weggabelung des Lebens einen anderen Abzweig nahmen. Obwohl Jonas die einzige präsente Figur des Buches ist, die überdies noch ein so einschneidendes Erlebnis bewältigen muss, bleibt er dem Leser irgendwie fremd. Da ist eine Distanz, die nicht überwunden wird.
In “Die Arbeit der Nacht” geht es auf unheimliche und gleichzeitig fesselnde Weise um die großen, ja existenzialistischen Themen des Lebens: um Liebe und Tod, Einsamkeit und Nähe, Besitz und vor allem die nackte Urangst vor dem Unbekannten und Unverständlichen. Ein Buch, das viele Gedankenfäden spinnt, denen der Leser selbst nachgehen kann. Zwischenzeitlich war ich besorgt, dass es vielleicht ein dummes Ende haben könnte - zu Unrecht. Es ist perfekt.