Kann man Zuversicht lernen?

Das ist eine Frage, die mich gerade schwer beschäftigt, denn ich tendiere eindeutig zu der Das-Glas-ist-leer-Fraktion. Und was mir besonders Gedanken macht, ist, dass es mit zunehmendem Alter nicht besser, sondern eher schlimmer wird! Dabei sollte die Entwicklung doch mit wachsender Lebenserfahrung und mit Blick auf bisher Erreichtes in die andere Richtung gehen. Aber nein, “kann ich nicht, schaff ich nicht, trau ich mir nicht zu” flüstert eine fiese Stimme leise in meinem Hirn. Oder im Herzen?

Ich war nie besonders mutig oder draufgängerisch. Schon als Kind fand ich es sinnvoller, unter Bäumen zu sitzen und zu lesen, statt auf ihnen herumzuklettern. So etwas hat mich nie gereizt, immer hübsch brav und artig, freiwillig in Watte gepackt und froh darüber. Abenteuer - nein, danke. Dafür liebe ich Abenteuergeschichten, vermutlich ist das der Ausgleich. Gut, mit elf, zwölf Jahren bin ich im Winter mal auf dem Eis eingebrochen, aber das war im heimischen Pool, der nur 1,20 Meter tief war. Da gab’s von Muttern eins an die Backen, ein heißes Bad und nicht mal eine Erkältung. Das war eher ein Missgeschick als eine bewusst gesuchte Herausforderung, vorher hatte es ja tagelang getragen. Doch wenn man nie etwas riskiert, verschenkt man auch lauter Chancen, etwas entgegen allen Erwartungen zu schaffen, zu erreichen, sich Lorbeeren, Sporen und Anerkennung zu verdienen oder auch nur einen Blumentopf zu gewinnen. Bin ich deshalb so eine verzagte Schwarzseherin?

Es ist aber auch nicht so, als ob ich nie etwas erreicht hätte, im Gegenteil. Davon gibt es eine ganze Menge und ich weiß, dass viele Menschen einiges davon und mich dafür schätzen. Nur bei mir selbst scheint das nicht wirklich durchzusickern.
Nehmen wir mal das Wandern: ein wunderbarer Sport, von dem ich als Ruhrgebietspflanze nie gedacht hätte, dass ich ihn mal für mich entdecken könnte. Gleich eine meiner ersten größeren Wanderungen wurde aufgrund totaler konditionaler Überforderung und widriger Bedingungen eine absolute Grenzerfahrung für mich. Ich dachte, ich käme nie aus eigener Kraft von diesem Berg herunter, und sah mich schon in einem Geschirr am Rettungshubschrauber baumelnd… Aber ich habe es geschafft, zwar teilweise unter Tränen (der Wut) und mit dem schlimmsten Muskelkater meines Lebens, dessen schmerzvollste Akutphase drei Tage dauerte, aber geschafft. Toll, oder?
Und gibt mir das Zuversicht für neue Wanderungen? Geben mir alle danach geschafften Wanderungen (wohlgemerkt alle ohne irgendwelche Vorfälle!) Zuversicht und Mut für die jeweils nächste Tour? Nein, das heißt im Vorfeld schon ein bisschen, aber wenn ich dann mitten drin bin und wegen eines scharfen Anstiegs schnaufe wie eine Dampflok, wenn es rutschig bergab geht und ich mit jeder Faser meines Körpers einen Sturz erwarte - dann tue ich mir einfach nur leid und werde bockig wie ein Esel. Da hilft auch gutes Zureden kaum, das mein Lieblingsbegleiter mit engelsgleicher Geduld beherrscht. Und dann hasse ich mich selbst und die ganze Welt dafür, dass ich mich so dämlich anstelle und nicht mal ein homöopathisches Portiönchen Lara Croft in mir habe.

Am Ende hat es bisher immer noch geklappt, aber ich verstehe nicht, warum das alles nicht auf einem Haben-Konto gut geschrieben wird, so dass ich sofort, beispielsweise auf dem Gipfel angekommen, stolz auf mich sein und die nächste “Schwierigkeit” als Herausforderung betrachten kann, auf die ich mich mit sportlichem Ehrgeiz freudig stürze. Und das gilt nicht nur für’s Wandern…
Habe ich zu spät im Leben angefangen und einfach noch nicht genügend “Mutproben” absolviert? Sind diese typisch weiblichen Eigenschaften wie Vorsicht, Zurückhaltung und Tiefstapelei bei mir besonders ausgeprägt? Bin ich geltungssüchtig und will mit der Klein-Mädchen-Tour die Aufmerksamkeit auf mich lenken? Keine schönen Aussichten. Ich glaube, ich habe den Regensonntag-Blues…

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