Sexuelle Freizügigkeit in der Vorstadt der Provinzhauptstadt

An Tag 6 meines im wahrsten Sinne des Wortes umwerfenden Siechtums mit Namen grippaler Infekt schleppte ich mich nachmittags zu meinem local Arznei-Dealer, um die vom Medicus angepriesenen Hustentropfen abzuholen. Die Apotheke befindet sich in einem Eckhaus und just an der Ecke standen ein Mann und eine Frau und plauderten miteinander, wie Menschen nun einmal plaudern, wenn sie einander nachmittags in der Vorweihnachtszeit auf dem Bürgersteig eines beschaulichen Wohlstandsviertels in einer gemütlich-gemächlichen deutschen Stadt begegnen. Als ich die beiden umrumdete, um zur Eingangstür zu gelangen, beendete die Frau gerade einen Satz mit dem Wort “Nudisten”. Dialektale Antwort ihres Gegenübers: “Noi, des mein ich net! Wo se so bumsen un alles durchenanner…” Sie: “Ach so, so e Swingerclub.” Lautlos schlossen sich die automatischen Gleittüren hinter mir, Stille und die unverwechselbaren Gerüche der Apotheke umfingen mich. Ja so ein Mist!

Einerseits traute ich meinen Ohren nicht, andererseits hatte ich kein Fieber und somit auch nicht den entsprechenden Wahn: Dieser Wortwechsel hatte tatsächlich so stattgefunden. Und wegen dieser verdammten Automatiktür konnte ich nicht hören, wie es weiter ging, und vor allem, worum es überhaupt ging! Denn sind wir doch mal ehrlich: Jeden, der da Desinteresse demonstrieren würde, würde ich Lügen strafen. Das will man doch wissen! Wieso unterhielten sich zwei brave Provinzbürger Anfang bis Mitte 50 am helllichten Tag, vor dem weihnachtlich illuminierten Schaufenster einer Apotheke, gegenüber der katholischen Kirche und in einem Stadtteil, das bürgerlicher nicht sein könnte, über so ein Thema?
Waren sie glühende Verehrer von Heino und Hannelore, die ihren Idolen in deren jüngst bekannt gewordenem Privatleben besonders eifrig nacheifern wollten? Danke, BILD.
Ging es ums Fernsehprogramm? Themenabend auf arte à la “Isch bin nackt - Körperkult von der Antike bis heute” oder eine demnächst anlaufende Castingshow auf RTL8, in der frische Pornodarsteller gesucht werden?
Sprachen sie über den bevorstehenden Weihnachtsurlaub? Oder noch besser über die Gestaltung des Weihnachtsabends? “Mir treffe uns mit Freunden und machen’s uns schee nackisch gemietlich.” “Ah, geht Ihr zu den Nudisten?” “Noi,…” Na dann frohes Fest. Da bekommt der alljährlich millionenfach wiederholte Satz “Schatz, jetzt steht der Baum wie eine Eins” eine ganz neue Bedeutung.

Wie dem auch sei - ich werde es nie erfahren. Auch wie die Frau von der diffusen Beschreibung ihres Bekannten unverzüglich und ohne zu zögern auf den Begriff Swingerclub kam, bleibt für mich ein Mysterium. Respekt, mit so einer könnte man bei dem beliebten Spiel Tabu glatt fünf Begriffe während einer Eieruhrsanddurchlaufphase schaffen. Vielleicht ist es das: Jeden Tag um 16:15 Uhr treffen die sich an dieser Ecke und einer von beiden umschreibt einen Begriff, der andere übernimmt die Rolle des Ratenden. Die üben heimlich für einen Spieleabend an Silvester! Das isses!!!

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