Ordnung ist das halbe Leben
Bei einer gemütlichen Tasse Kaffee heute morgen im Bett las ich in der Ausgabe “Intelligenter Leben” der Reihe P. M. Perspektive (empfehlenswerte Publikation!) den Beitrag “Die Wohnung entrümpeln heißt die Seele entrümpeln”. Das haben wir ja alle schon mal gehört, und man muss kein Anhänger der Feng-Shui-Lehre sein, um die befreiende, ja kathartische Wirkung einer Aufräumaktion zu erleben. Da ich im Grunde ein ordenlicher Mensch bin, sind bei mir nie besonders erwähnenswerte Schandflecken des Durcheinanders entstanden. Weder neige ich dazu, überall Haufen und Türme zu bauen, noch schaffe ich Paralleluniversen in meiner Handtasche. Schon als Kind konnte ich Kleidungsstücke so ordentlich falten wie eine Benetton-Verkäuferin nur mit Hilfe dieser komischen Platten, und meine Bücher standen akkurat nach Größe sortiert wie die Orgelpfeifen im Regal - sehr zum Leidwesen meines Bruders, der das genaue Gegenteil war und wegen seiner Unordnung ständig mit meiner Mutter im Clinch lag.
Doch auch bei mir erobert das Chaos immer wieder Terrain, weil ich dummerweise einen starken Hang zum Jagen und Sammeln habe. Nie konnte ich mich früher von irgendwelchen Sachen trennen, sei es, weil ich einfach aus sentimentalen Gründen daran hing, weil etwas irgendwann mal irgendwie noch nützlich sein könnte, weil es mir von jemandem geschenkt wurde, der mir wichtig ist, oder weil es auch mal mehr oder weniger Geld gekostet hat. Und Bücher sind sowieso heilig. Ich habe also praktisch immer einen Grund. In den letzten Jahren hat sich das allerdings etwas gegeben. Vermutlich hängt man um so weniger an weltlichem Besitz, je älter man wird und sich die menschliche Vergänglichkeit bewusst macht. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass der Platz einfach beschränkt ist und man nicht ständig in größere Behausungen umziehen und den Bestand der Aufbewahrungsmöbel vergrößern kann…
Noch während ich also diesen Artikel las, sah ich vor meinem inneren Auge das Innere der obersten Schublade der Kommode, die gegenüber von unserem Bett steht. Das damit verbundene unangenehme Gefühl wich schnell einem starken Tatendrang. Nach dem letzten Schluck aus der Kaffeetasse und noch im Pyjama riss ich die Schublade auf und räumte sie aus. Ich hielt mich gar nicht erst mit den Tipps aus dem Artikel auf (ein Karton für Müll, ein Karton für Reparaturbedürftiges, einer für Dinge zum Weggeben und einer für Dinge, die an einen anderen Ort gehören), sondern legte gleich los. Ruckzuck wanderten drei nie getragene Gürtel in den Müll, ebenso die nie getragenen transparenten BH-Träger. “Aber die hast Du extra mal gekauft!”, jault der Sammler-Schweinehund in mir auf. “Ja, aber das war ein Kaufbefehl der Modeindustrie. Eigentlich sehen die Dinger nämlich echt Scheiße aus und deshalb habe ich sie nie benutzt”, weise ich das dumme Vieh zurecht.
Die Gebrauchsanweisung für die verschiedenen Falt- und Tragweisen meiner HAD-Funktionstücher wandert ins Arbeitszimmer zu den anderen Gebrauchsanleitungen (wieso nicht? Anleitung ist Anleitung, egal ob für’s Bügeleisen oder ein Accessoire). Länger nicht getragener Modeschmuck und ein paar Accessoires bringe ich nächste Woche zum Second-Hand-Shop der Diakonie, den ich schon seit Jahren mit meinen modischen Fehlkäufen beglücke. Während ich noch überlege, was ich mit einem Ring mache, den ich in einem Vhs-Kurs gebastelt habe, aber selten trage, weil ich die billige Halterung nicht vertrage, fällt er mir runter und zerspringt in zwei Teile. Selten habe ich ein deutlicheres Zeichen bekommen - ab in den Müll! Ein überraschend aufgetauchter Ersatzknopf zieht bei seinen Kollegen in der Ersatzknopfdose im Nähkasten ein und für einen Stern, der seit etwa einem Jahr auf der Kommode herumliegt, habe ich flugs eine Aufhängung gebastelt. Jetzt hängt er an einem Schrankgriff und ergänzt die gestern in der Wohnung verteilte Weihnachtsdeko. Und dann das Haarband! Was um alles in der Welt hat mich geritten, es hier zu vergraben und nicht mehr, wie früher, bei den übrigen Haarspangen im Bad? Hätte ich es tragen wollen, hätte ich hier im Leben nicht danach gesucht… Zurück ins Bad mit Dir!
Plötzlich ist die Schublade deutlich leerer und übersichtlicher, hat kaum eine halbe Stunde gedauert. Nie muss ich morgens mehr fluchen und mir gleich die Laune versauen, weil ich wieder nichts darin finde…
Von so viel erfolgreicher Arbeit beflügelt, setze ich mich zufrieden an den Adventsfrühstückstisch. Und schon kommt mir die nächste Aktionsfläche in den Sinn: im Wohnzimmer stehen diese Zeitschriftenaufbewahrungsdinger, die man im freundlichen schwedischen Möbelhaus immer im Dreierpack kaufen und mit drei Handgriffen zusammenstecken kann. Obwohl ich direkt vor dem Entrümpelungsartikel in einem Bericht über Meditation und Achtsamkeit gelesen habe, dass sich die Buddisten immer auf genau die Sache konzentrieren, die sie gerade tun, und sich aktiv dafür entscheiden (”Ich frühstücke.”) und dadurch gelassener werden, springe ich mittendrin auf und zerre die die Zeitschriften aufbewahrenden Pappkameraden aus dem Regal (”Ich entrümpel.”) und stapel die ganzen Hefte auf dem Boden, um sie später in Kartons wegzuschaffen. Da kommt locker ein Gewicht im zweistellige Kilobereich zusammen. Nur blöd, dass ich in einer Stadt lebe, in der es keine Altpapiercontainer gibt, so dass ich das Zeug nicht unverzüglich loswerden kann, sondern erst noch bis zur nächsten Altpapiersammlung im Keller zwischenlagern muss.
Obwohl ich eigentlich zu wissen meine, was da für Hefte schlummern, staune ich nicht schlecht: Neben dem - erwarteten - kompletten GEO-Jahrgang 1995 (das Abo war mal ein Weihnachtsgeschenk, aber dass das so lange her ist…) entdecke ich GEO-Hefte über London und Kuba und bin verblüfft. Es sind französische Ausgaben! Daran habe ich keinerlei Erinnerungen. Vermutlich habe ich sie in meinem Jahr an der Uni Bordeaux zwecks Erweiterung meiner fremdsprachlichen Kompetenz erworben. “Aber die GEO kannst Du doch noch gebrauchen, für die Recherche bei Übersetzungen”, meint der Sammler-Schweinehund. “Herzchen, ich arbeite seit zehn Jahren in der Industrie. Da habe ich weder mit fluoreszierenden Tiefseefischen noch mit Expeditionen zum Mars zu tun. Und für Recherchen gibt es heute das Internet, das ist so was von praktisch”, pariere ich den Angriff.
Noch mehr staune ich über den Bauhaus Homestore Katalog, der immerhin bis zum 31.10.2000 gültig war. Wie zum Geier kommt der zwischen die ganzen GEO- und Merian-Hefte? Aber das Beste wartet auf mich in Aufbewahrungsdingsda Nummer 3: Ausgaben von Newsweek, Time Magazine, L’Obeservateur und L’Evénement, auch alle so von 1995/1996. Ich schwöre, dass ich mir nicht erklären kann, wie die so lange hier überleben konnten. Wenn nichts so alt ist, wie die Zeitung von gestern, muss man für über zehn Jahre alte Nachrichtenmagazine ein neues Wort erfinden. Dabei habe ich schon vor Jahren ein Großteil meiner Unterlagen aus dem Studium entsorgt - ohne Worte.
Was für ein produktiver Vormittag! Ich spüre schon die Erleichterung, ach was, die Befeiung und die Lust darauf, weitere kleine Krisenherde zu bekämpfen. Da fällt mir spontan noch eine ganze Menge ein: die Kulturtasche im Bad mit den ganzen Parfümeriepröbchen, der Rollcontainer unter dem Schreibtisch, die Abstellkammer neben unserer Küche, das Bücherregal (obwohl ich da schon erste Schritte über www.buchticket.de gemacht habe) - und mein Kleiderschrank samt dazugehöriger Kommoden ist sowieso work in progress. Was für ein Ärger, dass drei Viertel des Wochenendes schon wieder vorbei sind. Aber vielleicht hält der Anfall ja länger an… Tschacka, Towanda und Horrido!
Anke said,
Dezember 2, 2008 @ 1:20
Oh, wie köstlich! Und wie schade auch, dass meine Freundin Aline leider kein Deutsch versteht, sonst hätte ich sofort einen Link hierher geschickt! Ihr Schweinehund flüsterte vor ein paar Monaten, dass ihr Sohn die Geosammlungen (ähnlicher Jahrgang wie in Dingsda Nummer drei) noch für Schulaufsätze gebrauchen könnte - also frühestens 2014, wenn die Dinger neunzehn Jahre alt sind. Ein gemeinsamer Lachkrampf, den keine von uns je vergessen wird!
Wie wärs denn, mal eine Schneckensuppenblogparadefürdasbestewortfürzehnjahrealtemagazine ins Leben zu rufen?
In diesem Sinne - Tschacka, Towanda und es lebe die Schneckensuppe!
admin said,
Dezember 3, 2008 @ 19:31
Aber nur wenn das Wort mindestens genauso viele Buchstaben hat wie Deins da oben