Ich bin die Hauptstadt der Schweinehunde
Und zwar der inneren. Wie viele man davon wohl so in sich beherbergen kann? Ab welcher Menge wird’s den Jungs da drinnen zu eng, so dass sich mal einer vor lauter Platzangst verabschiedet und sagt „Ciao bella, war nett mit Dir. Aber hier ist einfach zu viel Betrieb. Ich halte jetzt jemand anderen vom Joggen ab, jemanden, der mich etwas exklusiver betreut als Du. Ach ja, und wo ich gerade dabei bin, reiche ich noch Klage beim Europäischen Gerichtshof ein. Diese Massenschweinehundhaltung verstößt nämlich gegen die Tierschutzrichtlinien der Genfer Konventionen.“ Na denn tschüss…
Damit wäre quasi die Katze über Schweinehund Nummer eins aus dem Sack: der Joggen-und-sonstige-sportliche-Betätigung-Saboteur, ein echtes Schwergewicht. Was der sich nicht alles einfallen lässt, wenn ich ans Joggen oder Pilates denke. Allein diese lässig-eloquent, schlüssig und logisch vorgebrachte Argumentationskette, weshalb Joggen jetzt auf keinen Fall eine gute Idee ist – das hat Politqualität auf höchster Ebene, mindestens diplomatisches Corps. Zu kalt, zu nass, zu dunkel ist billiger Standard, das bringt jeder dahergelaufene Straßenschweineköter, aber zu argumentieren, dass ich mir dann abends zum zweiten Mal an diesem Tag die Haare waschen und föhnen muss, was meiner Seborrhoe-befallenen Kopfhaut bestimmt gar nicht zuträglich ist, das ist schon eine andere Liga. Das könne ich besser morgen machen, wenn die Haare eh wieder zu waschen seien, das sei vernünftiger (schont auch Ressourcen wie Wasser und Shampoo…), wohlweislich im Rahmen einer partiellen Amnesie vergessend, dass es am nächsten Abend natürlich auch nicht klappt, weil ich da Volkshochschulkurs habe.
Und dann kommen noch ganz perfide Sabotageakte dazu. Erst klopft mein Sportsfeind Nummer eins die Sofakissen auf und kuschelt sich demonstrativ hinein, dann schwingt er wie ein Torrero verführerisch die rote Wolldecke und stellt auch noch die Heizung ein bis zwei kuschelige Grad höher und gibt unerträgliche Wohlfühlgeräusche von sich… Ich schwenke die weiße Fahne.
Nach erfüllter Mission ratzt Schweinehund Nr. 1 gemütlich auf dem Sofa und lässt seinen Kollegen Nr. 2 ran. Es tritt auf: der Essen-und-Naschen-Schweinehund, carnis adipositas. „Wenn Du schon zu Hause bleibst, dann kannst Du es Dir auch richtig gemütlich machen“, raunt er mir ins Ohr. „Das hast Du Dir verdient, es war doch so ein harter Tag. Und morgen gehst Du wieder laufen, dafür brauchst Du volle Kohlenhydratspeicher, von nix kommt nix.“ Nein, danke, ich will doch abnehmen. Und im Kühlschrank liegen die Zutaten für mein Gemüsesüppchen. „Ach komm, stell Dich doch nicht so an, so ein paar Brote gehen doch viel schneller, ist doch vom Biobäcker. Und der frische Aufschnitt muss auch weg. Oder soll der wieder schlecht werden? Aber so ein bisschen was Warmes dazu wäre auch nicht schlecht. Vielleicht doch noch ’ne kleine heiße Schweinerei dazu? Und Naaaaaachtiiiiiiisch, Puuuuuuuuddiiiiiiiing, och biiiiittöööööö!“
Während sich in der Küche Schweinehund Nr. 2 noch schmatzend mit dem Zahnstocher die Hauer reinigt und vom ein oder anderen Rülpser durchgeschüttelt wird, schleppe ich mich schweren Gewissens zu seinem Kollegen Nr. 1 zurück aufs Sofa. Der räkelt sich gemütlich und fragt mich ganz beiläufig „Hast Du nichts zum Knabbern mitgebracht?“. Haben die beiden jetzt die Rollen getauscht oder sich zum Gemeinsame-Sache-Machen verabredet? Mistkerle!
Das ist ein ganz gefährlicher Moment. Denn an einem solchen Punkt kriegen die Beiden oft noch Verstärkung. Langsam, aber mit Nachdruck regt sich ihr dicker Kumpel, der Jetzt-ist-es-auch-schon-egal-Schweinehund, eine ganz gemeine Sau. Der hat’s so richtig drauf, mich noch weiter reinzureißen. Listig flüstert er mir Hoffnung verheißende Sätze ein wie „Morgen gehst Du ja wieder laufen. Morgen reißt Du Dich wieder zusammen und abends gibt’s Gemüsesuppe. Alles wird gut. Aber der Tag heute ist eh gelaufen. Hol doch noch die Schokolade, ist gerade so gemütlich hier, und ab morgen ist sie ja tabu…“.
Mann, statt jetzt fernzusehen, sollte ich mal wieder was für mein Blog (ha, vielleicht sollte ich besser Blögchen sagen…) schreiben. Der letzte Eintrag ist von April und wir haben fast Ende November! Ein paar Freundinnen haben mich neulich schon gefragt, warum auf meinem Blog nichts mehr passiert. Tja, äh, was soll ich sagen? „Sag ihnen doch einfach, dass Dir nichts einfällt“, säuselt mir der Kreativitätsblockade-Schweinehund ins Ohr, „und dass Du sicher nie ein Buch schreiben wirst. Da kann man auch das Bloggen lassen.“ Der Kreativitätsblockade-Schweinehund ist auch derjenige, der Projekte wie Fotoboxen sortieren, einen Beutel für die Wäscheklammern nähen, Freunde zum Spieleabend einladen und so weiter torpediert. Vielleicht sollte ich ihn in Initiativblockade-Schweinehund umbenennen? Es ist ihm eigentlich egal, worum es geht. Hauptsache er kann das Hilfsverb im Konjunktiv in Sätzen spielen, die Aktivität nach sich ziehen. „Ich könnte/sollte/müsste/würde gerne mal…“ und schon ist er da, der IBS. Wie ein gigantischer Magnet zieht er fast alle Energie aus mir heraus und versetzt mich nicht selten in eine Volllähmung, durch die ich mir selbst im Wege stehe.
Doch plötzlich erscheint eine kleine Elfe und reicht mir ihre Hand. „Willst Du nicht im Mai mit mir den Weltkulturerbelauf in Bamberg machen?“ Schweinehund Nr. 1 ist plötzlich hellwach: „Äh, hallo? 10,9 Kilometer? Hast Du sie noch alle? Das würde aber heißen, dass Du den Winter über laufen und Anfang 2009 mal so richtig zielorientiert trainieren müsstest. Das willst Du doch nicht!“ Nee, stimmt, will ich nicht wirklich ganz so dringend. Aber ich will abnehmen und ein Killer-Argument gegen Dich haben, Du Mistkerl. Und deshalb sage ich der kleinen Elfe zu, ha!
Überraschend kreuzt eine weitere Elfe auf und zwinkert mir zu; erstaunlich hohes Aufkommen dieser Tage. Eine der oben genannten Freundinnen hat plötzlich auch ein Blog und lädt stolz zur Lektüre ihres ersten Beitrags ein. Dabei habe ich mir noch nichts gedacht, aber dann nennt sie bei ihren Quellen der Inspiration die Schneckensuppe. Verdammte Hacke, das nenne ich mal einen virtuellen Tritt in den Arsch. „Ja, na und? Ist ein freies Land, soll sie doch“, schmollt der Initiativblockade-Schweinehund, der schon spürt, dass ihm die Felle davon schwimmen. Danke, Anke! (Auch für die Aufklärung in Sachen Nimrouz - endlich erfahre ich, was es damit auf sich hat - nach all den Jahren…)
Und da im Märchen bekanntlich aller guten Dinge drei sind, lässt auch eine weitere Elfe nicht lange auf sich warten. Die nächste Freundin postet in ihrem wunderbaren Foodblog cuoche dell’altro mondo ein Suppenrezept, das ich zu Studizeiten mit in unsere WG gebracht habe und nennt die Suppe deshalb Zuppa da Nina. Und als ob das nicht schon Wink mit dem Fernsehturm genug wäre, habe ich zufällig just an jenem Tag eben diese Suppe gekocht!
So, Jungs, und jetzt kommt ihr! Habt Ihr noch was zu sagen? Allgemeines Gebrumme und Gegrunze und die ganze Schweinehunderasselbande schaut angestrengt in die Luft oder auf die eigenen Krallen. „Wir sprechen uns noch“, zischt der ISB drohend. „Das werden wir ja sehen“, erwidert die Schnecke.
Anke said,
November 23, 2008 @ 22:48
Da will ich doch sogleich, auf leisen Pfötchen, ohne die seltsamen Tiere zu wecken, einen lieben Gruß in die HdSH senden. Das P.S. im Kommentar auf meiner Seite hat mir ja schon das Herz aufgehen lassen, aber hier habe ich dann fast vergessen, dass ich heute eigentlich mit langem Gesicht und Ingwertee schlürfend durch die Wohnung schlurfen und mich ganz ruhig verhalten soll. Ich habe einfach einen Lachbrüller nach dem anderen von mir gegeben, und gebe zu, dass es mir schon wieder viel besser geht. Und dass meine kleine, absichtslose Katzengeschichte sich so auswirkt, hätte ich mir nicht träumen lassen! Einfach schön! Und hier noch - vielleicht als provokative Kneipp-Waschung für Nummer 1 - die folgende Fundstelle: http://blog.coachdogs.com/category/good-bye-schweinehund/
Tritte « Nimrouz’ Blog said,
November 25, 2008 @ 2:58
[...] Nina, es war mir nicht bewusst - aber im Nachhinein eine unerhörte [...]
Organisationsideen « Hagebuttensenf said,
Februar 1, 2009 @ 1:28
[...] es nicht, aber immerhin in der 2. Woche wieder angepackt. Jawohl, immerhin. Sonst ist ja der fette “Jetzt-ist-es-auch-schon-egal-Schweinehund”, über den die Schneckensuppe ja so brüllant (= Kombi aus brillant und zum Brüllen komisch) [...]
Quäl Dich, Du Luder! | schneckensuppe.com said,
Februar 2, 2009 @ 23:45
[...] in der dunklen Völlereizeit vor Weihnachten war ich ja plötzlich wild entschlossen, meine inneren Schweinehunde auf’s Erbittertste zu bekämpfen und habe hier eine unerschütterliche Zuversicht an [...]