Populärmusik aus Vittula von Mikael Niemi

Da war er, der eine Titel, der aus der bunten Masse zehntausender Cover
herausragte und mich geradezu ansprang. Populärmusik aus Vittula, was für ein
Buchtitel! Es war September, ein schwüler Spätsommer. Die kleine
Provinzleseratte genoss ein paar Tage in Berlin und musste sich schwer zusammenreißen, um im Kulturkaufhaus Dussmann einem hemmungslosen Kaufrausch zu widerstehen. Aber das Buch musste mit - unbedingt. Wenn jemand Populärmusik statt Pop sagt, verdient dieser Jemand gebührende Beachtung. In Schweden war das Buch 2000 erschienen, hat dort sämtliche Verkaufsrekorde gebrochen, Preise gewonnen und ist inzwischen auch verfilmt worden. Als 2002 die deutsche Version herauskam, schwärmte die Brigitte “Das großartigste Buch des Jahres - und auch noch des letzten und des kommenden Jahres dazu” und auch andere Medien lobten den Roman, der eigentlich mehr eine Episodensammlung ist, überschwänglich…

Wie soll ich sagen? Irgendwie wurden meine Erwartungen nicht erfüllt, aber was kann das Buch schon für meine Erwartungen! Nachdem ich den Klappentext gelesen hatte, erwartete ich eine wunderbare Geschichte von zwei Jungs, die im Schweden der sechziger Jahre aufwachsen und dabei von der Ankunft der Pop- beziehungsweise der Beatmusik beeinflusst, ja sogar entscheidend geprägt werden. Sex, Drugs und Rock’n'Roll im entlegensten Winkel Schwedens, wo die Einwohner keine richtige Schweden, aber auch keine Finnen sind. Und als die moderne Musik in ihr Leben kommt, verändert sich alles für immer und sie leben glücklich bis ans Ende aller Tage. Sturm und Drang, Initiation, der Club der toten Dichter in Schweden!

Und so ist es eigentlich auch. Nur dass Mikael Niemi das alles keineswegs sensibel, zauberhaft, wundervoll und voller Gefühle beschreibt, sondern seine absurden Gesichten in ziemlich derbe Worte verpackt. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich eine Frau bin oder ob es an der Erziehung dieser ganz speziellen Frau liegt. Aber wenn ein Buch damit anfängt, dass der Erzähler in Nepal auf 5415 Meter Höhe aus Überwältigung über den zurückgelegten Aufstieg eine eiskalte Gedenktafel küsst (so weit, so gut), wegen der Kälte mit der Zunge daran festklebt und sich dadurch befreit, dass er sich quasi selbst über oder unter oder gegen die Zunge pinkelt (er war da irgendwie in gebückter Haltung), dann finde ich das - gelinde gesagt - befremdlich. Wenn es gleich damit weitergeht, dass das namensgebende Viertel Vittulajänkkä übersetzt so viel wie Fotzenmoor bedeutet, dann ist mir das eindeutig zu rustikal. Und so geht es fröhlich weiter mit Kraftausdrücken, übeltönenden und übelriechenden und übelmachenden Körperfunktionen, übelsten selbstgebrannten Rauschmitteln und skurrilen bis raubeinigen Erlebnissen in der wilden Natur, in der noch wildere Menschen zuhause sind. Die Schweden lieben Niemi für seinen Witz. Ich fand sein Buch fast gar nicht zum Lachen, sondern habe mich immer nur gewundert und im Wechsel mal geringschätzig die Augebraue hochgezogen, mal verständnislos die Stirn gerunzelt. Wohin sollte das alles führen? Da sieht man mal wieder, wie sehr Humor und kulturelle Prägung voneinander abhängen.

Und dennoch… Am Ende waren mir all diese merkwürdigen Menschen, Wesen und Erscheinungen irgendwie ans Herz gewachsen. Und dann tat es mir plötzlich richtig leid, als es eines Abends vorbei war mit den merkwürdigen Ereignissen, die Niemi so hemmungs- und kompromisslos zusammenfabuliert, und ich fragte mich, was wohl aus ihnen geworden ist, wie das Tornedal wohl heute aussieht und wie Matti am Ende Lehrer werden konnte.

Dem Pop wird ja häufig vorgeworfen, belanglos und alles andere als Kunst zu sein. Populärmusik aus Vittula ist alles andere als gefällig. Aber in ihrer ganzen Wildheit, Ruppigkeit und Vulgarität ist es doch eine Geschichte, die berührt, denn sie ist auch und vor allem eine Liebeserklärung an eine Heimat und die aufregende Jugendzeit, die unwiederbringlich vorbei ist. Komplett schräg, aber irgendwie wunderbar.

  del.icio.us this!

No Response so far »

Comment RSS · TrackBack URI

Say your words