Viel Spaß im öffentlichen Nahverkehr

“Es ist kurz nach 17 Uhr, die Straßenbahn ist rappelvoll, und der leicht abwesende Gesichtsausdruck der freien Bürger auf der Heimfahrt von ihren sicheren Arbeitsplätzen in ihre behaglichen 60 qm Deutschland vermittelt den Eindruck, daß trotz Lohnfortzahlung im Krankheitsfall auch in der besten aller möglichen Gesellschaftsformen noch Verbesserungen möglich sind.” Soweit Harald Schmidt in seinem Buch “Tränen im Aquarium - Ein Kurzausflug ans Ende des Verstandes”.

Was 1993 schon stimmte, passt auch 2008 noch und ganz besonders morgens, wenn die braven Bürger gerade ihre behaglichen 60 qm verlassen mussten, um zu ihren nicht mehr ganz so sicheren Arbeitsplätzen zu gelangen.

Es ist kaum zu fassen, wie viel geballte Miesepetrigkeit so eine (über-)voll besetzte Straßenbahn am Morgen ausstrahlen kann. Die Türen öffnen sich und die schlechte Laune schwappt heraus, trifft einen fast physisch, konzentrierter Missmut mit einer rechten Geraden direkt in den Solarplexus. Ich geb’s zu, ich bin morgens auch kein Sonnenschein, schon gar nicht an feucht-kalten, dunklen Wintermorgen, aber irgendwie stelle ich mich der Welt dann doch mit einer gewissen Offenheit. Wenn ich dabei noch Musik höre, bin ich - trotz verplompter Ohren - so was von offen für diese Welt, dass ich mich zusammenreißen muss, um vor lauter Offenheit und anfallsartig guter Laune keinen wilden Ausdruckstanz durch die beengten Gänge der Bahn hinzulegen. Wo man hinsieht - nur sauertöpfische Gesichter. Aber in meinem Kopf tobt der Groove: “I gotta a lot of money, I don’t want to spend it on me. I like pretty things and you’re just as pretty as you can be.” Schuwapschuwaaaa. Ja, Prince, I’m your pretty mama, geh mit mir shoppen! Zunächst fängt ein Bein an mitzuwippen, fällt ja nicht so auf, guckt ja nur vom Knie abwärts unter meinem schlafsackartigen Steppmantel heraus. Die Mitreisenden schauen völlig unbeteiligt drein, jeder in seine eigene kleine, durchschnittliche Gedankenwelt vertieft. Aber ich habe den Soul im Blut: Chelsea Rodgers was a model… und der Bass treibt und Prinzens Sängerin - vermutlich so kurz wie er, dafür genauso breit - röhrt Aretha-Franklin-like ins Mikro und die Bläser, die Bläser! Gehen wie eine intravenöse Injektion gleich in den Popo, der, unter Daunen versteckt, unkontrolliert zu wackeln anfängt. Würde mich nicht wundern, wenn Candy Dulfer dabei ist. “Shake it like a juicy juice!” Ja, Prince, I shake everything I’ve got! Ach nee, es ist ja 8 Uhr am Morgen in einem öffentlichen deutschen Nahverkehrsmittel, da packt man die Diskokugel besser nicht aus, sondern benimmt sich artig und stellt im Gesicht den Pausemodus ein: leerer, in die Ferne gerichteter Blick mit leicht nachdenklichem Betroffenheitsausdruck. So gehört sich das morgens in der Arbeitnehmerstraßenbahn.

Aber ein paar Haltestellen und ein Album weiter verliere ich schon wieder die Contenance. “Täää tädädätääää tädädäädäää tätätäää! Ein neuer Jan, ein neuer Anfang. Reggae ist tot, jetzt ist Funk dran, vom Superstyler Number O-One. Ich hab die Beats und die Melodie, die Euch süchtig machen wie Heroin und die burnen wie Rolf Töpperwien.” Gut, die Stelle mit Rolf Töpperwien habe ich als Nicht-Bundesliga-Fan nie so ganz verstanden, aber egal: das groovt, das funkt, das kickt. Jan Delay und Disko No. 1, deutscher Funk von der Waterkant. Wer hätte gedacht, dass das funktioniert? Meine ganz persönliche Entdeckung des letzten Jahres. Und Jans Mädels singen Feuer! Feuer! Feuer! Und mir wird heiß. Ist es der Steppmantel? Ist es die rettungslos überheizte Straßenbahn? Sind es die Beats? Ist es die unendliche Anstrengung, die es mich kostet, die Haltestangen nur für ihren ureigenen Zweck zu gebrauchen und sie nicht für eine nachtclubartige Tanzeinlage zu missbrauchen? “Und auf allen Tanzflächen, da feiern sie wie besessen, angetrieben von den Bässen, die Sorgen, die sind vergessen. Und sie schütteln, was sie haben.” Yeah yeah yeah, da ist es wieder: Shake everything you’ve got! “Denn das Wichtigste ist, dass das Feuer nicht aufhört zu brennen.” Der Straßenbahnkapitän knipst das Neonlicht aus und gibt dem glühenden Sonnenaufgang eine Chance. Rotlicht wabert, Spot an auf die Diskokugel, die Bar ist geöffnet. Die Fahrgäste schwenken Cocktails mit bunten Schirmchen und tanzen polonäseartig von einem Ende der Bahn ans andere. Whoa, geht es in die Kurve, und wenn er nicht entgleist ist, swingt der Samba-Express noch heute. Friedrich-Ebert-Straße. Aussteigen. MP3-Player aus, Knöpfe raus aus den Ohren, Kragen gerade gerückt, Rücken durchgedrückt. Willkommen zurück in der wahren Welt. Thank God it’s Friday…

Hörtipps:
Prince: Planet Earth
Jan Delay: Mercedes-Dance

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4 Responses so far »

  1. 1

    mat said,

    Februar 15, 2008 @ 15:03

    Hervorragend, das beschreibt den ÖPNV auf den Punkt! Mir geht es genauso so, aus dem Grund fahre ich nur mit dem ÖPNV wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, dann aber auch nur mir Musik auf den Ohren, anders ist das kaum zu ertragen, stichwort “Geisterbahn”…

  2. 2

    cyberm.at ....warum nicht?! said,

    Februar 15, 2008 @ 15:08

    [...] der Bahn morgens entgegen schlagen kann. Es ist eigentlich ganz einfach. Wie es geht, steht hier: “Es ist kurz nach 17 Uhr, die Straßenbahn ist rappelvoll, und der leicht abwesende Gesichtsausdruck … Geschrieben von mat in Alltägliches um 13:36 | Kommentare (0) | Trackbacks [...]

  3. 3

    Wingi said,

    März 13, 2008 @ 11:58

    Hmmm, aber die geistig abwesenden Ohrstöpselträger mit verzückten Gesicht sind jetzt besser?

    Versuch es mal mit einem freundlichen Wort dem Nächstbesten, auch auf die Gefahr hin, das du von 90% Unverständnis und Mißtrauen ernten wirst.

  4. 4

    cybermat said,

    April 4, 2008 @ 8:20

    @wingi: Du solltest nicht immer nur so hoppla-hop über die Texte fliegen, dann würdest Du auch verstehen was hier gemeint ist.

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