Von der Muse geküsst

Vor einem Jahr bin ich unter die Singdrosseln gegangen, will sagen: Beflügelt von einem Gespräch mit Freundinnen, in dem es darum ging, was wir alles gerne tun würden, wenn wir uns gerade mal nicht von der Arbeit auffressen lassen, habe ich spontan ins lokale Vhs-Programm geschaut und ebenso spontan Glück gehabt: Es gab einen Kurs “Mut zum Singen” und zufällig war auch gerade Anmeldefrist für das nächste Semester. Kennen Sie das nicht auch? Wenn Sie solche Anfälle haben, ist normalerweise das Semester gerade in vollem Gang und die nächsten Kurse beginnen erst vier Monate später, ja, sie sind noch nicht einmal buchbar. Wenn sie es dann endlich sind, hat man es längst wieder vergessen. Kreativitätsschub gebremst, willkommen zurück in der uninspirierten Wirklichkeit. Doch nicht so Anfang letzten Jahres. Also den ganzen Mut zum Singen zusammengenommen und bis heute dabei geblieben; ersten Auftritt im Chor absolviert und in drei Wochen steige ich zu den Fortgeschrittenen auf.

“Da geht noch einiges!”, dachte ich mir, kühn geworden. Warum nicht noch ein Instrument lernen? Die obligatorische Barockflöte aus pummeligen Kleinmädchentagen kann doch nicht alles gewesen sein… Also bin ich das Ganze total rational angegangen - logisch, wenn es um etwas so emotionales wie Musik geht. Was will ich spielen? Geige? Grrrr, da hört man schlimme Geschichten über die Anfänge. Trompete oder Saxophon? Hmmm, weiß nicht, dabei kann man nicht singen. Bass finde ich sexy, aber was mache ich damit? Ein Bass braucht eine Band. Also gut, es soll ein Instrument werden, das gut klingt, wenn es solo ist, das sich selbst genügt, etwas, das man klassisch oder modern spielen kann. Und mit dem ich mich eines wunderbaren Tages selbst beim Singen begleiten könnte. Gitarre interessiert mich nicht so richtig, und ich muss zugeben, dass mich diese filigranen Saiten irgendwie verunsichern… bleibt also das Klavier. Klavier? Bin ich denn noch ganz gescheit? Ausgerechnet dieses raumgreifende und nicht gerade für Dauerniedrigpreise bekannte Monstrum? Lernen setzt Üben voraus und dafür benötigt man ein Instrument! Wie stellt sich mein kreatives Ich das vor? Einfach mal ein paar tausend Euro ausgeben, etwas losklimpern, bevor dann der gefürchtete Lust-Verlust einschlägt und das gute Stück nur noch zum Ablegen von Staubkörnern und Bügelwäsche dient? Nicht verzagen, Volkshochschule fragen: Schnupperkurs Klavierspielen, fünf Stunden in der wohlsortierten Pianoforte-Abteilung des örtlichen Musikalienhändlers.

Am ersten Abend bin ich die Erste. Ich gehe also ins Tiefgeschoss, in die Klavierabteilung - und verfalle in ehrfurchtsvolles Staunen. Klaviere und Flügel quasi soweit das Auge reicht, und zur Krönung noch ein antikes Cembalo (oder war’s ein Spinett?). Helles Holz, dunkles Holz, rötliches Holz, weißes Holz, alles auf Hochglanz poliert. Und natürlich Schwarz, Tiefschwarz. Die Flügel glänzen so sehr, dass man sich in ihren Oberflächen spiegeln kann. Klingende Namen prangen in goldenen Lettern auf ihnen. Ich bin berührt, die Atmosphäre ist fast heilig. Bis ich die großen Zahlen auf den kleinen Preisaufstellern sehe. Holla, die Waldfee: 58.000 Euro für einen Flügel. Dank des Schocks traue ich mich endlich wieder zu atmen. Und dann stellt sich heraus: Man darf diese Investitionsobjekte nicht nur anfassen, wir dürfen auch auf ihnen spielen! Welcher Klavierlaie kann schon von sich behaupten, auf einem 60.000-Euro-Flügel angefangen zu haben? Was das für die Motivation des Lernenden bedeutet, sollte man bei Gelegenheit mal in einer soziodidaktischen Studie eruieren, hüstel.

Jetzt sind vier von fünf Stunden um. Für mich steht fest: Das könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen mir und dem Tastenmonster werden - wenn ich ein paar organisatorische Fragen lösen kann. Kaufe ich ein klassisches Klavier oder ein E-Piano (zur Nervenschonung des Mitbewohners)? Gebraucht oder gar neu oder Mietkauf? Und wo zur Hölle stelle ich es hin??? Wann und wie oft kann ich Unterricht nehmen? Kann ich oft genug üben? Fragen über Fragen, bei denen die Vhs dieses Mal nicht helfen kann. Aber der Musenkuss sitzt, ich bin infiziert. Und habe heute bestimmt mehr Durchhaltevermögen als beim Flötespielen mit zehn Jahren. Wenn ich allein daran denke, wie viele Synapsen sich da neu bilden und vernetzen in meinem fortgeschrittenen Mittdreißigeralter…

Schneckensuppes Tipp des Tages: Support your local Volkshochschule. Sie kann ungeahnte Welten eröffnen!

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