Assassini von Thomas Gifford

Nach der Schlappe mit „Palast der Winde“ lechzte ich nach einem kurzweiligen, spannenden Buch und schnappte mir Assassini von Thomas Gifford. Der Zusatz „Der Vatikan-Thriller“ klang viel versprechend. Auch auf mich üben Krimis, in die der Vatikan verwickelt ist, einen besonderen Reiz aus – da befinde ich mich in guter Gesellschaft; man denke nur an den Erfolg von Dan Brown. Mein Freund erklärte mich für unbelehrbar, weil ich schon wieder nach einem Schinken von über 800 Seiten griff…

Der Einstieg hielt, was der Titelzusatz versprach: kein großes Vorgeplänkel, sondern gleich mitten hinein ins Geschehen und den Leser zum Zeugen eines Doppelmordes gemacht, der offensichtlich von einem Priester verübt wird. Kurz darauf findet der Ich-Erzähler Ben seine Schwester Val ermordet in der Kapelle ihres Elternhauses auf. Val war Nonne in einem eher weltlich ausgerichteten Orden und bekannt für ihre kirchenkritischen Bücher. Sie hatte sich mit Ben treffen wollen, um dringend mit ihm zu sprechen. Alles, was er weiß, ist, dass sie an einem neuen Buch über den Vatikan und die Nazizeit arbeitete. Ben beginnt nachzuforschen und stößt auf viele Fäden, deren Enden alle im Paris der vierziger Jahre zusammenzulaufen scheinen. Kollaboration zwischen Nazis und Kirche auf Anweisung Papst Pius’, Kunstraub, eine Gruppe von kirchlichen Würdenträgern, die während des Kriegs in Paris spioniert, mit Nazis und Résistance verkehrt, Attentate plant… Und all das hängt irgendwie mit der anstehenden Papstwahl und Bens Familie zusammen. Als die Zusammenhänge immer klarer werden, bleibt – wie in den meisten Thrillern – ein großer Unbekannter im Dunkeln. Der Leser ahnt, wer es sein könnte, verwirft den Gedanken jedoch immer wieder, weil er bedeuten würde, dass… – und das wäre doch zu ungeheuerlich.

Der Anfang von Assassini ist brutal, die darauf einsetzende Spurensuche und Mörderjagd in Gegenwart und Kirchenvergangenheit spannend und hektisch. Dennoch verliert die Geschichte irgendwann an Tempo und fesselt den Leser nicht mehr an den Sessel. Gifford versucht einfach zu viele Akteure und Ereignisse in seinem Verschwörungsnetz zu verweben, wobei er natürlich auch noch zahlreiche falsche Fährten legen muss. Dazu kommt die meiner Meinung nach völlig überflüssige Liebesgeschichte zwischen Ben und Vals Freundin Elizabeth, ebenfalls Nonne. Die hätte nun wirklich nicht sein müssen und ich werde den Verdacht nicht los, dass der Autor da schon ein bisschen in Richtung Verfilmung geschielt hat. Spätestens da hätte man die Romanze vermutlich ins Drehbuch geschrieben…

Insgesamt ist Assassini trotzdem lesenswert für Verschwörungsfans, die eine hohe Seitenzahl nicht scheuen, da man ganz nebenbei viel über die Kirchengeschichte lernt und natürlich selbst spekulieren kann. Ein Großteil der Spannung entsteht aus heutiger Sicht auch dadurch, dass die Charaktere nicht ständig in Kontakt sind: Das Buch erschien erstmals 1990, vor der Verbreitung der Handys.

Mir stellt sich in Zusammenhang mit Assassini eine Frage: Woher kommt diese geradezu diabolische Freude daran zu lesen, dass die Kirche jede Menge Dreck am Stecken hat und alles andere als hilfreich und gut ist? Liegt es daran, dass dies den Menschen eine Hintertür für ihre eigenen Fehltritte bietet? Ja, okay, ich habe gelogen, aber die Kirche predigt ja auch Wasser und trinkt Wein; ja, okay, ich bin ein Ehebrecher, aber die Kirche beschäftigt immerhin eine Truppe von Auftragsmördern! Ist es einfach ein Gefühl von Häme, eine Art Schadenfreude („Ha, die sind auch nicht perfekt!“)? Denn wenn die oberste moralische Instanz gegen ihre eigenen Regeln verstößt, ist das doch ein Freifahrschein oder in diesem Fall wohl eher ein Ablassbrief für die Schäfchen, die diese Regeln eigentlich befolgen sollten.

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